• Die Tür muss weit offen stehen

    Gedanken aus dem Cairngorms Nationalpark

Prolog

Ich war im Cairngorms Nationalpark und wollte nun einen klassischen Tourenbericht schreiben. Es wurde aber irgendwie emotionaler. Und eigentlich braucht es den Tourenbericht auch nicht. Einige Bildunterschriften hier auf der Seite sollten reichen. Die Region ist eine 10/10 und erhält meine absolute Empfehlung. Packe für mehrere Tage autark und erkunde die Täler und Gipfel.

Bei mir war das dann so:
Es war körperlich fordernd, dieser Tag im Tal. Anstrengend, in jedem Sinne. Kein Handynetz, keine Nachricht, kein Signal. Die letzte Person hatte ich am Tag zuvor gesehen. Die Gegend war rau und wild. Und im Tal war ich, so weit ich das beurteilen konnte, der einzige Mensch. Kein Motorengeräusch, kein Stimmenfetzen, kein Geräusch der Zivilisation. Einfach nichts. Nur Wind, Wiese, Wasser, Felsen. Natur. Nahezu Wildnis.

Und dann war es plötzlich wieder da. Dieses Gefühl.

Ich kann es kaum in Worte fassen, wie sehr es sich von allem unterscheidet, was ich sonst kenne. Es ist keine Erschöpfung, kein Glück im üblichen Sinn, keine Euphorie. Es ist eher ein Verschwinden – von Lärm, von Anspruch, von all dem, was sonst ständig an einem zerrt. Und was übrig bleibt, wenn all das weg ist, bin einfach nur ich. Ganz bei mir. So ruhig und wohlig, wie ich es lange nicht mehr gespürt hatte. Es hat was von ankommen.

Gleich nach dem Start in Avimore

So muß das sein

Erstes Lager

Kaffee am Morgen

Kurz vor dem 1. Pass

Zum abliegen

Ein Zustand, kein Ort

Ich hatte es schon einmal erlebt, vor einiger Zeit, während meines Etappenprojekts zum Nordkap. Im Gebirge im Norden Skandinaviens, zwei Tagesmärsche von der Zivilisation entfernt. Damals wusste ich noch nicht, dass es sich um etwas Wiederholbares handelt. Es war einfach da: eine Ruhe, ein Wohlgefühl. Ganz bei mir zu sein, ohne dass ich hätte sagen können, wodurch genau das ausgelöst wurde.
Das Tückische an solchen Zuständen ist: Man kann sie nicht festhalten. Ich bin von der Tour zurückgekommen, der Alltag hat mich wieder eingesaugt, und das Gefühl war weg. Ich habe es gesucht. Bei entspannten Overnightern im Schwarzwald, vor der eigenen Haustür sozusagen. Im ganz normalen Urlaub. Nichts davon hat es zurückgebracht. Nicht ansatzweise. Ich habe angefangen zu zweifeln, ob ich es mir vielleicht nur eingebildet hatte. Ob es überhaupt real war, oder nur eine Erinnerung, die mit der Zeit schöner geworden ist, als sie eigentlich war.

Zum abheben

Wasser filtern

Abendessen

Voll motiviert auf dem Weg zum Gipfel

Per pedes

TRAUM-Camp

Was in den Highlands anders war

Bis letzte Woche. Ein abgelegenes Tal in den schottischen Highlands, eine Route, die keine Kompromisse macht. Der Unterschied zu den kleinen Fluchten zwischendurch war klar spürbar, und im Rückblick lässt er sich auch benennen:

  • Echte Abgeschiedenheit. Nicht „mal einen halben Tag niemanden treffen“, sondern tatsächlich niemand. Kein Netz, keine Rückversicherung, keine Option, die Tour im Zweifel abzubrechen und in zwei Stunden wieder im Auto zu sitzen.
  • Körperliche Anstrengung. Der Tag war hart. Ich glaube, das gehört dazu. Ein Kopf, der beschäftigt ist mit Trittsicherheit, Orientierung, dem nächsten Anstieg, maximaler Fokus auf essentielles.
  • Zeit ohne Ausweg und Ablenkung. Nicht die Option zu haben, jederzeit rauszukommen, verändert etwas im Kopf. Man ist wirklich da, weil es keine Alternative und Ablenkung gibt.

Diese drei Dinge zusammen scheinen die Zutaten zu sein. Einzeln reicht keins davon. Ein anstrengender Tag mit Handyempfang ist nur ein anstrengender Tag. Abgeschiedenheit ohne Anstrengung ist nur ein schöner Ort. Es ist die Kombination, die diesen Zustand offenbar möglich macht. Das ist nicht einfach überall reproduzierbar.

„Das Abenteuer beginnt vor der Haustür“ – stimmt das noch?

Ich habe diesen Satz selbst oft gesagt, gerne und mit Überzeugung. Und ich stehe nach wie vor dazu: Es lohnt sich, das Vertraute genauer anzuschauen, tolle Erlebnisse warten auch direkt vor Ort, man muss nicht immer ans andere Ende der Welt fliegen, um etwas zu erleben. Das stimmt.
Aber eben nur bedingt.
Für dieses eine, ganz bestimmte Gefühl – für die vollständige Abgeschiedenheit, die es offenbar braucht. Da reicht die Haustür nicht. Die Tür muss schon weiter offen stehen. So richtig weit. Und dafür fehlt in Deutschland schlicht der Raum. Nicht die Landschaft, nicht die Berge, nicht die Wälder – die sind da, und sie sind schön. Es fehlt die Weite, die Größe der Fläche, in der man gehen kann, ohne auf jemanden zu treffen. Im Prinzip Wildnis. In ganz Europa gibt es davon nur wenige Regionen: der Norden Skandinaviens, die entlegeneren Teile Schottlands, vereinzelte Gebiete in den Pyrenäen, Island. Der Rest des Kontinents ist, bei aller Schönheit, zu dicht besiedelt, zu gut erschlossen, zu erreichbar.
Das ist keine Abwertung des Nahen. Es ist nur eine Feststellung: Es gibt Erfahrungen, die sich nicht überallhin transportieren lassen. Und wenn man einmal weiß, dass es sie gibt, hört man nicht mehr auf, sie zu suchen.

Ein Tag beginnt

Lagerleben

Eigentlich bin ich dauernd am arbeiten

Einsam und wild

Pause

Märchenwald

Der anstrengende Weg

Ich glaube, dieses Gefühl ist bei jedem Menschen unterschiedlich – manche finden ihre Ruhe im Trubel, andere brauchen die Distanz zu allem. Bei mir ist es offensichtlich die zweite Variante, und ich habe lange gebraucht, um das so klar zu sehen und zu benennen.
Was ich mitnehme: Ich werde das öfter machen. Allein in die Wildnis gehen, dorthin, wo die Tür wirklich weit offen steht. Es gibt nur ganz wenige Menschen, mit denen ich mir vorstellen kann, dieses Gefühl auch gemeinsam zu finden. Ich werde es ausprobieren.
Einfach ist der Weg dahin nicht. Er ist anstrengend und unbequem. Aber genau das scheint Teil der Rechnung zu sein. Der steinige, anstrengende Weg ist nicht der Preis für dieses Gefühl – er ist ein Teil davon.

Das nächste Kapitel: das Gröna Band

Und deshalb steht mein nächstes Projekt schon fest: Einmal entlang der gesamten Gebirgskette im Norden Europas, von Grövelsjön bis Treriksröset. Um die 1400 km zu Fuß aus eigener Kraft, ohne feste Route durch das Gebirge, Wälder, raue Hochflächen und einsame Täler. Ich werde in Etappen gehen, immer wieder aufbrechen, immer wieder eintauchen.

Wenn ich ehrlich bin, ist es genau das, wonach ich suche: Tage, an denen ich wieder Tagesmärsche von allem entfernt bin. An denen mein Telefon nur noch Gewicht im Rucksack ist. An denen niemand da ist außer mir und manchmal eine nahestehende Person, dem Wetter und dem Weg vor mir. Ich weiß nicht, ob sich dieses Gefühl dort wieder einstellen wird – vielleicht lässt es sich nicht erzwingen, vielleicht muss man einfach losgehen und offen bleiben für das, was kommt.

Ich werde davon wieder berichten. Weil ich glaube, dass es sich lohnt, davon zu erzählen. Für alle, die selbst spüren, dass ihnen manchmal etwas fehlt, ohne genau sagen zu können, was. Vielleicht ist es ja dasselbe wie bei mir: eine Tür, die im Alltag teils nicht weit genug offen steht. Motto: „Abenteuer zwischen dem Alltag“.

In ein paar Tagen geht es los. Auf die ersten 200km zu Fuß autark durch wilde Natur.
Zusammen mit unserem Sohn.

Bis bald.
Martin